Donnerstag, 31. Januar 2013

Ferien in Småland - Kapitel 4: Jönköping und Visingsö am Vettern

Ob Zündholz oder Nascherei, Pioniergeist oder Forscherdrang: Die südöstliche Vättern-Region beeindruckt vor allem durch außergewöhnliches Handwerk und das Zeugnis tragischer Helden. Auf ihren Spuren wandelt der Schwedenurlauber zwischen Jönköping, Gränna und Visingsö.

















Natürlich hat die Einsamkeit Smålands ihren besonderen Charme. Landluft tut gut. Aber Stadtluft macht frei. Wenn zwei Familien eine Blockhütte im Nirgendwo bewohnen, droht irgendwann der Lagerkoller. Nach taelanger Hüttengaudi war uns der Ausflug nach Jönköping daher mehr als willkommen. In der geschäftigen Bezirkshauptstadt am Südzipfel des Vättern bot sich mal wieder so etwas wie Zivilisation. Und ein Gewässer, dessen Ausmaße die gigantische Größe dieses Landes eindrucksvoll in Erinnerung rufen.

Mit einer Fläche von rund 1.900 Quadratkilometern ist der Vättern das sechstgröte Binnengewässer Europas. Und dabei ist er nur der zweitgrößte See in Schweden. Auch die Nummer 3 in Europa - der Vänern (5.648 km2) - liegt in Schweden. 120 Meter misst der Vättern an seiner tiefsten Stelle, womit er sogar die durchschnittliche Meerestiefe der Nordsee um 25 Meter überragt. Am südlichen Zipfel besuchen wir Jönköping, die Hauptstadt der Provinz Jönköpings Län.

Tatsächlich gehört Jönköping zu den vergleichsweise großen Städten der südschwedischen Provinz. Rund 89.400 Menschen leben und arbeiten hier, wo die traditionelle Forstwirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrunderts eine denkbare Symbiose mit den Elementen der Schwerindustrie einging. Zwar setzte die Industrialisierung der Region bereits im 17. Jahrhundert ein, bedingt durch die Großmachtambitionen der schwedischen Krone und ihrer zunehmenden Nachfrage nach Waffen und Munition, die mit Eisenerz aus dem nahen Taberg bedient wurde. Den historischen Höhepunkt mit nachhaltiger Bedeutung erreichte dieser Prozess aber erst im Jahre 1848. 

Seinerzeit beschäftigte sich der ortsansässige Fabrikant Carl Frans Lundström (1823-1971) mit einer Idee, die nicht er selbst, sondern sein Landsmann, der schweidische Chemiker Gustaf Erik Pasch (1788-1862) hatte. Diesem Pionier war bekannt, was passiert, wenn in einem elektrischen Lichtbogenofen Calciumphosphat mit Koks und Quarzsand auf 1400 °C erhitzt wird: Es entsteht weißer Phosphor. Und er wusste auch, wozu diese Substanz bereits seit 1833 eingesetzt wurde, nämlich zur Produktion von Zündhölzern. 

Bild: Sebastian Ritter
Allerdings hat weißes Phosphor in diesem Zusammenhang einen erheblichen Nachteil: Es ist leicht selbstentzündlich und somit für den Massengebrauch ungeeignet. Als Chemiker war Pasch bekannt, dass Phosphor in unterschiedlichen Modifikationen dargestellt werden kann.  Erhitzt man beispielsweise weißen Phosphor mehrfach unter Luftabschluss auf 260 °C, entsteht roter Phosphor. Dieser  ist im Vergleich zu weißem Phosphor weniger toxisch und nicht selbstentzündlich, kann aber mit Oxidationsmitteln sowie Energiezufuhr wie Reibung gleichwohl zur Entzündung gebracht werden. 

Diese Eigenschaft machte sich Pasch zunutze. Er ersetzte 1844 das weiße Phosphor vollständig durch rotes Phosphor und verhalf damit dem Zündholz zu einem entscheidenden Durchbruch. Das moderne Sicherheitszündholz war geboren. Zu einem weltweiten Massenprodukt wurde das unscheinbare Hölzchen aber erst, als der Fabrikant Carl Frans Lundström vier Jahre später am Ufer des Vättern damit begann, die neue Erfindung in seiner Produktionsstätte maschinell herzustellen. 

Die industrielle Serienproduktion erlaubte einen Abgabepreis, der für die weltweite Bevölkerung erschwinglich war - und das in einer Zeit, in der es zur Beheizung und Beleuchtung noch keinen elektrischen Strom gab und ein Holzfeuer entzündet werden musste. Kein Wunder also, dass das Sicherheitszündholz aus Jönköping auf der Weltausstellung 1855 ausgezeichnet wurde. Sein Beitrag zur Modernisierung des Alltags gilt als revolutionär. Nicht IKEA ist der Inbegriff der Penetration schwedischer Holzverarbeitung in die Wohnzimmer dieser Welt. Es ist das Streichholz.

Bild: CTHOE
Auf dem ehemaligen Werksgelände der Fabrik von Carl Frans Lundström, die bis 1971 die weltweit exportierten Zündhölzer produzierte, wird heute diese Erfolgsstory in einer beeindruckenden Ausstellung dokumentiert. Das Tändsticksmuseet ist von Juni bis August werktags von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet, samstags und sonntags bis 15.00 Uhr. Außerhalb der Sommersaison kann das Museum dienstags bis samstags von 10:00 bis 15:00 Uhr besucht werden.  

Von Jönköping nach Gränna


Bild: Niklas Morberg
Ein beliebtes Ausflugsziel befindet sich knapp 40 Kilometer von Jönköping entfernt am östlichen Steilufer des Vättern: Das beschauliche Örtchen Gränna beeindruckt nicht nur durch seine mehr als 350 Jahre alte Holzbebauung. Bekannt ist es vielmehr durch ein sehr spezielles, alteingesessenes Gewerbe, nämlich die Produktion von Zuckerstangen. Die rot-weiß gestreiften Polkagrisar wurden 1859 von der Witwe Amalia Erikson erfunden. Bis heute basiert die Herstellung der Leckerei unverändert auf den von ihr entwickelten Bonbon-Rezepturen. Überall im Ort sind die Zuckerstangen mit dem skurilen Namen "Polkagrisar" (zu deutsch: Polkaschwein) in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen erhältlich. Die Polkagriskokeri selbst kann besichtigt werden. Die Bonbon-Kocherei ist in den Sommermonaten täglich von 10:30 Uhr bis 13:00 Uhr und von 14:00 Uhr bis 15:30 Uhr für das Publikum geöffnet. Im Bäckereishop kommen Naschkatzen voll auf ihre Kosten.   

Bild: Foolip

Ein weiteres berühmtes Kind der Stadt neben der Witwe Erikson ist der Abenteurer Salomon August Andrée. Der Ingenieur erlangte Berühmtheit, als er im Jahre 1897 auf tragische Weise bei dem Versuch scheiterte, von der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen aus mit einem Heißluftballon den Nordpol zu erreichen. Die dreiköpfige Expeditionscrew musste notlanden, irrte mehrere Monate im arktischen Eis umher und kam schließlich ums Leben. Das Polarcentrum in Gränna zeigt die erst 1939 gefundenen Ausrüstungsgegenstände und Tagebücher der Opfer und würdigt ihre Geschichte im Kontext einer sehenswerten Ausstellung zur internationalen Polarforschung.

Von Gränna nach Visingsö

 

Die Insel Visingsö liegt mitten im südlichen Vättern und ist ebenfalls ein beliebtes Ausflugsziel. Mit der Fähre ist sie von Gränna aus gut erreichbar. Ihr mildes Klima, die grüne Vegetation sowie die spärliche, größtenteils bäuerliche Besiedelung machen die Insel zum Teil des Naherholungsgebietes für Jönköping. Sehenswert auf dem etwa 25 Quadratkilometer großen Eiland, das bequem mit dem Fahrrad (Verleih vor Ort) oder - idyllisch - mit dem Pferdewagen erkundet werden kann, ist vor allem die beeindruckende Ruine einer Schlossanlage aus dem 16. Jahrhundert. 

In jener Zeit war die Insel im Besitz der Grafenfamilie Brahe, die das herrschaftliche Schloss errichtete. Bei einem Brand im 18. Jahrhundert fast vollständig zerstört, zeugen heute nur noch die Grundmauern des Hauptgebäudes von der einstigen Herrlichkeit. Beschuldigt den Brand gelegt zu haben, waren russische Kriegsgefangene, die zur Zeit des Großen Nordischen Krieges (1700-1721) zwischen dem Königreich Schweden und dem durch Preußen-Polen sowie Dändemark-Norwegen unterstützten russischen Zarenreich auf Visingsö interniert waren.
 

Zwar wuchs - bedingt durch seine strategisch günstige Lage im Zentrum der Vättern-Region - seit dem 16. Jahrhundert mit den Großmachtambitionen der schwedischen Krone auch die militärische Bedeutung der Insel. Die grundherrschaftliche Erschließung datiert jedoch schon früher. Bereits im 12. Jahrhundert wurde auf der Südspitze eine Burganlage errichtet, die als Reichsburg im Zentrum der schwedischen Königsmacht stand. Näs Slott - so ihr Name - wurde 1318 von König Birger Magnusson an die Dänen verpfändet und dann im Verlaufe der zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem benachbarten Königreich zerstört.   

Weiterhin sehenswert ist die unweit der Schlossruine gelegene, barocke Brahekyrka mit ihrem malerischen Kirchhof. Die heute noch als Pfarrkirche in Betrieb befindliche Kyrka wurde 1636 - zunächst als Schlosskirche des gräflichen Brahe-Geschlechts - geweiht. Der Kirchbau folgte einer früheren Anlage aus Holz aus dem 12. Jahrhundert. Die Brahekyrka gehört heute zum nationalen Kulturerbe Schwedens, für dessen barocke Hochzeit als europäische Supermacht die reiche Ornamentik des Kirchinnenraums ein eindrucksvolles geistliches Zeugnis ablegt.


Informationstipp rund um Schweden mit Forum: 

www.schwedenstube.de

Weitere Kapitel:

Kapitel 4: Jönköping und Visingsö am Vättern
Kapitel 5: Eksjö und Skurugata (in Kürze verfügbar)
Kapitel 6: Vimmerby - zu Hause bei Astrid Lindgren (in Kürze verfügbar)
Kapitel 7: Värnamo (in Kürze verfügbar)
Kapitel 8: Angeln am Linnesjön