Ob Zündholz oder Nascherei, Pioniergeist oder Forscherdrang: Die südöstliche Vättern-Region beeindruckt vor allem durch außergewöhnliches Handwerk und das Zeugnis tragischer Helden. Auf ihren Spuren wandelt der Schwedenurlauber zwischen Jönköping, Gränna und Visingsö.
Natürlich hat die Einsamkeit Smålands ihren besonderen Charme. Landluft tut gut. Aber Stadtluft macht frei. Wenn zwei Familien eine Blockhütte im Nirgendwo bewohnen, droht irgendwann der Lagerkoller. Nach taelanger Hüttengaudi war uns der Ausflug nach Jönköping daher mehr als willkommen. In der geschäftigen Bezirkshauptstadt am Südzipfel des Vättern bot sich mal wieder so etwas wie Zivilisation. Und ein Gewässer, dessen Ausmaße die gigantische Größe dieses Landes eindrucksvoll in Erinnerung rufen.
Mit einer Fläche von rund 1.900 Quadratkilometern ist der Vättern das sechstgröte Binnengewässer Europas. Und dabei ist er nur der zweitgrößte See in Schweden. Auch die Nummer 3 in Europa - der Vänern (5.648 km2) - liegt in Schweden. 120 Meter misst der Vättern an seiner tiefsten Stelle, womit er sogar die durchschnittliche Meerestiefe der Nordsee um 25 Meter überragt. Am südlichen Zipfel besuchen wir Jönköping, die Hauptstadt der Provinz Jönköpings Län.
Seinerzeit beschäftigte sich der ortsansässige Fabrikant Carl Frans Lundström (1823-1971) mit einer Idee, die nicht er selbst, sondern sein Landsmann, der schweidische Chemiker Gustaf Erik Pasch (1788-1862) hatte. Diesem Pionier war bekannt, was passiert, wenn in einem elektrischen Lichtbogenofen Calciumphosphat mit Koks und Quarzsand auf 1400 °C erhitzt wird: Es entsteht weißer Phosphor. Und er wusste auch, wozu diese Substanz bereits seit 1833 eingesetzt wurde, nämlich zur Produktion von Zündhölzern.
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| Bild: Sebastian Ritter |
Diese Eigenschaft machte sich Pasch zunutze. Er ersetzte 1844 das weiße Phosphor vollständig durch rotes Phosphor und verhalf damit dem Zündholz zu einem entscheidenden Durchbruch. Das moderne Sicherheitszündholz war geboren. Zu einem weltweiten Massenprodukt wurde das unscheinbare Hölzchen aber erst, als der Fabrikant Carl Frans Lundström vier Jahre später am Ufer des Vättern damit begann, die neue Erfindung in seiner Produktionsstätte maschinell herzustellen.
Die industrielle Serienproduktion erlaubte einen Abgabepreis, der für die weltweite Bevölkerung erschwinglich war - und das in einer Zeit, in der es zur Beheizung und Beleuchtung noch keinen elektrischen Strom gab und ein Holzfeuer entzündet werden musste. Kein Wunder also, dass das Sicherheitszündholz aus Jönköping auf der Weltausstellung 1855 ausgezeichnet wurde. Sein Beitrag zur Modernisierung des Alltags gilt als revolutionär. Nicht IKEA ist der Inbegriff der Penetration schwedischer Holzverarbeitung in die Wohnzimmer dieser Welt. Es ist das Streichholz.
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| Bild: CTHOE |
Von Jönköping nach Gränna
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| Bild: Niklas Morberg |
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| Bild: Foolip |
Ein weiteres berühmtes Kind der Stadt neben der Witwe Erikson ist der Abenteurer Salomon August Andrée. Der Ingenieur erlangte Berühmtheit, als er im Jahre 1897 auf tragische Weise bei dem Versuch scheiterte, von der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen aus mit einem Heißluftballon den Nordpol zu erreichen. Die dreiköpfige Expeditionscrew musste notlanden, irrte mehrere Monate im arktischen Eis umher und kam schließlich ums Leben. Das Polarcentrum in Gränna zeigt die erst 1939 gefundenen Ausrüstungsgegenstände und Tagebücher der Opfer und würdigt ihre Geschichte im Kontext einer sehenswerten Ausstellung zur internationalen Polarforschung.
Von Gränna nach Visingsö
In jener Zeit war die Insel im Besitz der Grafenfamilie Brahe, die das herrschaftliche Schloss errichtete. Bei einem Brand im 18. Jahrhundert fast vollständig zerstört, zeugen heute nur noch die Grundmauern des Hauptgebäudes von der einstigen Herrlichkeit. Beschuldigt den Brand gelegt zu haben, waren russische Kriegsgefangene, die zur Zeit des Großen Nordischen Krieges (1700-1721) zwischen dem Königreich Schweden und dem durch Preußen-Polen sowie Dändemark-Norwegen unterstützten russischen Zarenreich auf Visingsö interniert waren.
Weiterhin sehenswert ist die unweit der Schlossruine gelegene, barocke Brahekyrka mit ihrem malerischen Kirchhof. Die heute noch als Pfarrkirche in Betrieb befindliche Kyrka wurde 1636 - zunächst als Schlosskirche des gräflichen Brahe-Geschlechts - geweiht. Der Kirchbau folgte einer früheren Anlage aus Holz aus dem 12. Jahrhundert. Die Brahekyrka gehört heute zum nationalen Kulturerbe Schwedens, für dessen barocke Hochzeit als europäische Supermacht die reiche Ornamentik des Kirchinnenraums ein eindrucksvolles geistliches Zeugnis ablegt.
Informationstipp rund um Schweden mit Forum:
www.schwedenstube.deWeitere Kapitel:
Kapitel 4: Jönköping und Visingsö am Vättern
Kapitel 5: Eksjö und Skurugata (in Kürze verfügbar)
Kapitel 6: Vimmerby - zu Hause bei Astrid Lindgren (in Kürze verfügbar)
Kapitel 7: Värnamo (in Kürze verfügbar)
Kapitel 8: Angeln am Linnesjön



